Draußen vor der Tür
von Wolfgang Borchert

Ein Stück gegen den Krieg – und gegen das Vergessen!

Premiere am 13.10.2023 im T-Werk Potsdam.


Nach dem Krieg. Nach Hause. Endlich.

Beckmann kommt nach Hause. Nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft. Doch die Heimat ist nicht mehr die alte, sie sieht anders aus – aber auch er sieht jetzt anders aus. Beckmann, frierend, verlaust, humpelnd, verzweifelt, mit einer unheimlichen Gasmaskenbrille vor dem Gesicht, hat sich verändert, seit er fortzog in den Krieg. Zwischen damals und jetzt liegen Jahre voller Schlachten und Bomben, Terror und Leid, Tod und Kälte. Seine Kniescheibe hat er auf dem Schlachtfeld verloren, dafür aber schreckliche Erinnerungen mitgebracht, und jetzt will er sie loswerden und einfach nur ankommen.

Nichts wird mehr so sein, wie es einst war.

Heimat, Körper und Seele zerstört, seine Frau liegt bei einem Anderen. Aber wie eine neue Hoffnung finden, in den Ruinen? Er will die Schuld loswerden, die er auf sich geladen hat, die er mit sich trägt, die ihn erdrückt. Er geht zu seinem ehemaligen Vorgesetzten, dem Oberst, aber der lacht ihn nur aus, denn Schuld haben immer nur die anderen. Verantwortung? Das ist nur ein Wort. Auf seiner Suche nach Erlösung begleiten ihn der Andere, sein Spiegelbild, und die Elbe, und Gott. Und der Tod. Ein unheimliches Szenario. Beckmann taumelt als Gespenst durch ein Nachkriegsdeutschland, das von seiner Schuld und dem Krieg, „seinem“ Krieg, nichts mehr wissen will. Von Beckmann nichts mehr wissen will. „Gibt denn keiner, keiner Antwort“ hallt es ohne Echo in die Welt. Wer erlöst ihn nun, den Kriegsheimkehrer? Muss er sich selbst erlösen?

Das Stück der Stunde? Das Stück der Zukunft!

Die Frage nach Verantwortung für die Folgen der Kriege ist eine zeitlose – leider aktuell wie nie. Sich der Wahrheit für begangenes oder geduldetes Unrecht zu stellen, bevor man sich sein Wurstbrot schmecken lässt, klingt wie ein Echo aus längst vergangenen Tagen. Borcherts Aufforderung, sich Fragen nach Schuld und Mitschuld zu stellen, sich stellen zu lassen, und Beckmanns Aufforderung, Antwort zu geben, werden uns wohl auch in der nahen Zukunft schmerzhaft begleiten.


Wolfgang Borchert hat Draußen vor der Tür innerhalb von nur acht Tagen niedergeschrieben. Der Entstehungszeitraum wird zwischen Herbst 1946 und Januar 1947 angenommen. Am 13. Februar 1947 wurde es erstmals als Hörspiel vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt. Am 21. November 1947 folgte die Uraufführung als Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen. Beides wurden große Erfolge und machten den bis dahin unbekannten Borchert berühmt.

Viele Zeitgenossen konnten sich mit Beckmanns Schicksal identifizieren. Borcherts Stück wurde als Aufschrei einer zuvor schweigenden jungen Generation gewertet und gilt heute als wichtigstes Antikriegsdrama des deutschen Theaters.

Das Stück blieb neben kürzeren Prosatexten das Hauptwerk Wolfgang Borcherts. Er selbst erlebte die erste Bühnenversion seines Dramas nicht mehr. Am Tag davor stirbt er nach schwerer Krankheit in Basel – im Alter von nur 26 Jahren.

Für die Zuschauer in den Hamburger Kammerspielen ist die Uraufführung ein bewegender Abend. Erst tritt Intendantin Ida Ehre auf die Bühne und unterrichtet die Theaterbesucher über Borcherts Tod. „Das Publikum ist aufgestanden. Wir haben einige Minuten stillschweigend verbracht, bevor die Aufführung begann“, erinnert sich die 1989 gestorbene Schauspielerin und Theaterleiterin später. Und die Reaktion auf die Inszenierung? „Bei der Uraufführung saß das Publikum, nachdem der Vorhang gefallen war, minutenlang totenstill im Saal“, erzählt Hauptdarsteller Hans Quest 1985 in einem Interview mit dem NDR. „Erst dann setzte der Applaus ein, der nicht aufhören wollte.“

Für viele deutsche Schriftsteller war Borchert Vorbild. Siegfried Lenz hatte erzählt, seine eigenen Kurzgeschichten seien ohne Wolfgang Borchert undenkbar gewesen, sie hätten ihn geprägt. Nach seiner Ansicht ist Borchert der erste gewesen, der nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Sprache wiederfand.


 

 

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