Törless
nach dem Roman DIE VERWIRRUNGEN DES ZÖGLINGS TÖRLESS von Robert Musil
Bühnenfassung von Boris von Poser

„Ein Buch, das bleiben wird.“ urteilte schon der berühmte Kritiker Alfred Kerr 1906 über Robert Musils Roman DIE VERWIRRUNGEN DES ZÖGLINGS TÖRLESS.


Und tatsächlich ist die Erzählung auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Erscheinung nicht nur vielgelesen, sondern auch immer wieder für die Bühne und den Film bearbeitet worden – am spektakulärsten wohl von Volker Schlöndorff für sein Filmdebut DER JUNGE TÖRLESS 1965.

Verwirrt wird der junge Törless durch seine Erlebnisse in einem Militär-Internat. Zu Beginn steht ein Diebstahl: Basini hat aus finanzieller Not seinen Mitschülern kleine Geldsummen gestohlen. Aber anstatt dieses Verbrechen anzuzeigen, beschließen die Mitschüler, sich Basini zu ihrem Sklaven zu machen. Von den Lehrern unbemerkt entsteht eine Parallelwelt voller Geheimnisse zwischen den vier beteiligten Schülern. Und während sich die psychischen und physischen Erniedrigungen Basinis steigern, wird auch der anfänglich nur beobachtende Törless immer mehr in das Geschehen einbezogen…

Wie in einer Keimzelle ist in der Geschichte des Internatszöglings Törless die spätere gesellschaftliche Entwicklung zum Faschismus schon zu ahnen.


Im Alter von 26 Jahren veröffentlichte Robert Musil seinen Erstling DIE VERWIRRUNGEN DES ZÖGLINGS TÖRLESS. Vermutlich hatte er schon länger an diesem kleinen Roman gearbeitet – zum literarischen Geburtshelfer wurde der berühmte Kritiker Alfred Kerr: Er redigierte und kürzte gemeinsam mit Musil dessen Manuskript und machte es reif für die Veröffentlichung. Auch schrieb er eine positive Rezension, die aufgrund von Kerrs Berühmtheit ganz sicher für den Anfangserfolg des Buches entscheidend verantwortlich war. Er schrieb darin: „Ein Buch, das bleiben wird.“ Und tatsächlich ist der TÖRLESS auch über hundert Jahre später immer noch der bekannteste Titel dieses Autors. Immer wieder wurde er auch für die Bühne und den Film adaptiert.

Musil verarbeitet in diesem Roman Erlebnisse seiner Internatszeit in Mährisch Weisskirchen, für alle Figuren des Romans lassen sich reale Vorbilder ausmachen, allerdings hat Musil sehr deutlich erklärt, dass es ein Fehler wäre, seinen Roman als realistisch zu betrachten. Als Verständnishilfe stellte er dem Text ein Zitat des Symbolisten Maurice Maeterlinck voran:

„Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz
im Finstern unverändert.“

Mehr noch als eine filmische Umsetzung ist eine Bühnenbearbeitung in der Lage, auch diese anderen, nicht-realistischen Ebenen sichtbar zu machen. Und so versucht die Fassung für das Kleine Theater nicht nur die direkte Handlungsebene zu erzählen, sondern auch eine theatralische Form für die Gedankenebene von Törless zu finden. Die sich steigernden Szenen der Erniedrigung werden in dieser Fassung immer wieder von traumartigen Bildern unterbrochen. In diesen Momenten scheinen alle vier Protagonisten zu einer Figur zu werden, die versucht, das Geschehene zu reflektieren und zu verarbeiten.

Man kann die Figur des Törless als eine junge Version des Helden in Musils späterem Hauptwerk verstehen: DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN. Auch in diesem monumentalen und nie fertiggestellten Werk hat Musil den konkreten Ereignissen einen Gedankenstrom entgegengestellt. Die Verwirrungen des Internatszöglings werden zu den Verwirrungen des erwachsenen Mannes, der sich vergeblich bemüht, die Welt und seine Gefühle zu verstehen.

In seinem Nachruf auf Musil schrieb Alfred Kerr 1942:

„Er war im Leben eine der anziehendsten, leicht-schweren Gestalten, die ich getroffen habe. Ein (auch äußerlich) ästhetischer Mensch – kein Ästhet! (Denn er hatte leisen Humor.) Er war ein Grübler – aber, trotz der Versenktheit, ein leicht-schwerer Grübler. … Musil bleib immer ein Mittelding zwischen Mann und Knabe. Einer, der die unbegreiflichsten Dinge des Hierseins bohrend und fast hoffnungslos – aber mit einem nicht unheitren Kopfschütteln ansah, er war offen für alles Ungelöste – dennoch nicht verzweifelt, sondern lächelnd-kritisch.“


Pressestimmen:

„Boris von Poser findet in seiner klaren, klugen Inszenierung für diese Gedankenexperimente eindringlich stilisierte Bilder (…)Immer wieder erklingt schillernde, rhythmisch pulsierende Musik von Wolfgang Böhmer, die sublim steuert und antreibt. Kunstvoll puristisch und zielgenau erzählt Boris von Poser mit dem hervorragenden Ensemble von dieser herzlosen Pubertät, die in ihrer psychologischen Verästelung schon subkutan die Machtpathologien des Nationalsozialismus andeutet.“
Irene Bazinger, Berliner Zeitung

„Den Schauspielern gelingt ein ungeheuer intensives, eindringliches Kammerspiel.“
Ulrike Borowczyk, Berliner Morgenpost

Berliner Zeitung: Robert Musils „Törless“ im Kleinen Theater: kunstvoll puristisch und zielgenau, UnAuf:  Selbstfindung im Machtmissbrauch: Törless

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(c) Jörn Hartmann

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